Stephanie ist wahrscheinlich die herzlichste Weinhändlerin der Welt. Bei meinem zweiten oder dritten Besuch in ihrem Laden, der eigentlich „nur“ die Echtwelt-Repräsentanz des Online-Shops von tvino ist, umarmte sie mich direkt zur Begrüßung. Ich dachte zuerst, sie verwechselt mich mit jemandem – aber Herzlichkeit wird in ihrem Laden ganz groß geschrieben (♥ an das ganze Team). Das zeigt sich auch während unseres Gesprächs, das immer wieder unterbrochen wird, wenn Stammgäste, Nachbarn oder Gastronomen vorbeikommen, um sie mit einer Umarmung zu begrüßen. Achja, und jegliches hochnäsige Weingehabe sucht man hier auch Vergebens – hier geht’s um Wein der schmeckt, ohne großen Schnickschnack. Ich hab mich mit Stephanie zusammengesetzt, ein-zwei Gläser getrunken und mit ihr darüber gesprochen, wie sie beim Wein gelandet ist und warum das ihr Traumberuf ist.

Stephanie, die wichtigste Frage vorab: Was trinken wir gerade?

Eine Scheurebe von Katharina Wechsler aus Rheinhessen. Das ist eine alte traditionelle Rebsorte. Unsere Eltern tranken die nicht, das war ein klassischer „Schädelwein“. Aber heute sind die ursprünglichen Reben wieder im Trend, vor allem wenn sie so gut gemacht sind, wie von Katharina. Sie wollte eigentlich erstmal nichts mit dem elterlichen Weinbau-Betrieb zu tun haben, hat dann aber doch noch zum Winzertum gefunden hat. Zum Glück, muss man sagen!

Man merkt direkt – du weißt so ziemlich alles über Wein. Aber wie bist du als junges Mädel vom platten Land dazu gekommen, dich mit Wein zu beschäftigen?

„Ich bin von der Schule geflogen und zur Berufstrinkerin geworden“

Puh, das hat sich so ergeben. Ich war in der Schule früher stinkfaul. Aber hatte immer schon den Traumberuf „Hoteldirektorin“ – weil Hotels eine ganz eigene Welt sind, mich schon als Kind fasziniert haben. In der 9. Klasse gab es bei uns dann ein Berufspraktikum, welches ich natürlich in einem Hotel absolviert hab. Und das hat mir so gut gefallen, dass ich auch nach dem Praktikum dort weiter mitgearbeitet hab. Dafür sogar die Schule geschwänzt hab. So lange, bis es meiner Schule zu viel wurde und ich selbiger verwiesen wurde. Das war ein interessanter Tag… Ich hatte für meine Eltern eine gute und eine schlechte Nachricht: “Hey, ich bin von der Schule geflogen, aber ich hab nen Ausbildungsplatz im Hotel und kann Montag anfangen!” Wenn man meine Laufbahn also ganz kurz zusammenfassen will, könnte man sagen: Ich bin von der Schule geflogen und zur Berufstrinkerin geworden (lacht).

Und dort hast du dann auch zum Wein gefunden?

„In der Berufsschule war ich dann auf einmal die Klassenbeste“

Noch nicht direkt. Ich hab erstmal die Ausbildung zur Hotelfachfrau angefangen. In der Berufsschule war ich dann auf einmal die Klassenbeste – weil der Unterrichtsstoff mir im Gegensatz zur Schule auf einmal getaugt hat und ich mich freiwillig reingehängt hab. Ich wurde dann sogar zur Hotelkauffrau „upgegradet“ und hab mit 18 meinen Abschluss gemacht. Der Job war zwar teilweise echt hart, mit Hochzeitsgesellschaften am Samstag Abend und Frühstücksdienst am Sonntag, aber mir hat es wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Und was ist nun mit Wein?

Zum Wein bin ich durch den damaligen Seniorchef des Hotels gekommen. Der hatte einen tollen Weinkeller und eine prämierte Weinkarte im Restaurant. Circa ein mal im Monat hat er auch seine Freunde zu Weinproben eingeladen, dann wurden Flaschen aus den 30ern, 40ern, 50ern aufgerissen. Irgendwann durfte ich da auch dabei sein und hatte Blut geleckt.

Aber dann ging es realtiv schnell weiter für dich, oder?

Irgendwann nahm mich besagter Seniorchef mal zur Seite und meinte zu mir, dass es für mich nur einen Ort gäbe, an dem ich in Sachen Wein noch was dazulernen kann: Das Louis C. Jakob in Hamburg. Dort war damals Hendrik Thoma, DER deutsche Sommelier, für die Weine verantwortlich. Also griff der Chef zum Hörer und rief seine Freunde im Jacob an. Einen Rückruf von Hendrik Thoma später hatte ich dann eine Stelle dort als Commis Sommelier.

Also kam das junge Mädchen aus der Provinz in die große Stadt. Wie erging es dir hier?

Hendrik ist ein großer Sommelier und war ein großartiger Chef im Jacob. Aber natürlich verlangt er auch von seinen Mitarbeitern viel Einsatz. Da wird man schonmal spät nachts noch nach bestimmten Lagen abgefragt – und wenn man die nicht drauf hat, sollte man das bis zum nächsten Tag auf jeden Fall haben, denn dann wird man sicher wieder danach gefragt. Egal, ob man einen 18-Stunden-Tag in den Knochen hat oder nicht. Es war eine harte Schule, aber natürlich eine verdammt lehrreiche Zeit für mich, die ich niemals missen möchte.

Im Louis C. Jakob warst du aber „nur“ 2,5 Jahre – dann ging es ja international weiter, oder?

„Ich hatte das Gefühl, rein gar nichts über Wein zu wissen.“

Ja. Auch Hendrik Thoma meinte irgendwann, dass es für mich nur einen Platz gebe, an dem ich noch dazu lernen kann: Bei Gordon Ramsay in London. Er rief dort an, legte ein gutes Wort für mich ein, und schon fand ich mich selbst in einem 3-Sterne-Haus in London wieder. Zwischen lauter Kollegen aus Frankreich, die das Weinwissen wohl schon mit der Muttermilch aufgesogen haben. Das hat mich erstmal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ich hatte das Gefühl, rein gar nichts über Wein zu wissen. Aber das hat mir auch klar gemacht, dass man einfach immer dran bleiben, dazu lernen, neugierig sein muss. Mit dieser Einsicht und der parallelen WSET-Ausbildung konnte ich mir auch dort meinen Platz erarbeiten. Auch wenn ich in dieser Zeit kaum was von London gesehen hab, nicht mal den Tower (lacht).

Wie ist es, mit Gordon Ramsay zusammenzuarbeiten?

Es ist schon fordernd. Aber einfach auch unglaublich spannend. Das internationale Umfeld ist einfach spannend, da ist viel Bewegung drin. Und man bekommt auch seine Chance, wenn man sich gut anstellt. Als ich 22 war, eröffnete Gordon das „Maze“ in London – und machte mich zur Chef-Sommelière. Direkt im ersten Jahr bekamen wir dort auch unseren ersten Michelin-Stern. Das war schon ein kleiner Ritterschlag… In den darauffolgenden Jahren war ich dann viel unterwegs. Mit Gordon Ramsay habe ich Restaurants auf der halben Welt eröffnet. New York, Dubai, Prag, Südafrika…

Aber dann bist du irgendwann ausgestiegen?

„Es war so ein ‚Business-as-usual‘-Ding.“

Genau. Nach etwa 7 Jahren, während einer Eröffnung in Südafrika, bei der mal wieder alles schief ging, was nur schiefgehen kann, habe ich gemerkt, dass mich das irgendwie kalt lässt. Es war so ein „Business-as-usual“-Ding. Vorbereitungen, Restaurant eröffnen, Teams schulen, und weiter geht’s. Man wusste kaum noch, in welchem Land man gerade ist. Das hat mir gezeigt, dass ich was ändern muss und habe um ein Sabbatical gebeten. Ich wollte auf Weingütern anheuern und um die Welt reisen. In Südafrika bin ich dann direkt geblieben und hab beim ersten Weingut angefangen. Eigentlich wollte ich danach noch nach Neuseeland, Amerika und auch zur Lese in Deutschland. Aber dann kam bekanntlich doch wieder alles anders.

Was ist passiert?

Zu der Zeit hatte Hawesko die Idee, eine neue, etwas jüngere vinophile Kundschaft anzusprechen. Um eine neue Marke zu entwickeln, haben sie Hendrik Thoma engagiert, der wiederum mich als Mitarbeiterin in’s Spiel brachte. Also bekam ich eine Mail von der Hawesko Personalabteilung. Eigentlich hatte ich ja meinen Plan mit dem Sabbatical und bereits ein Around-the-World-Ticket. Aber die scheinten es wirklich ernst zu meinen. Nikolas von Haugwitz, der Chef von Hawesko, hat mich dann persönlich kontaktiert und meinte, dass er für einen Urlaub eh in Kürze in Südafrika sei und sich doch gerne mal mit mir treffen würde. Nach einem Essen und ein paar Flaschen Wein habe ich mich dann breitschlagen lassen, das Sabbatical zu beenden…

Also war das die Geburtsstunde von tvino.de?

„Ich musste an meinem ersten Tag im Büro erstmal ‚eCommerce‘ googeln…“

Sozusagen. Ich kam an einem Samstag in Hamburg an und hatte Montag meinen ersten Tag bei Hawesko. Natürlich muss man bei einer Rückkehr erstmal Freunde treffen. Und anstoßen. Und so kam es, dass ich direkt an meinem ersten Tag verkatert in’s Büro kam (lacht). Der erste Tag war auch sonst ziemlich surreal für mich. Ich war Teil des Gründungsteams, im Arbeitsvertrag war als Jobtitel „Junior Marketing Manager“ aufgeführt. Ich hatte noch nie davor einen Bürojob und eigentlich keine Ahnung von gar nichts. Ich musste an meinem ersten Tag im Büro erstmal „eCommerce“ googeln…

Was war dein genauer Job zum Start von tvino.de?

Die Idee von tvino war es, Online-Videos zum Thema Wein zu produzieren und so neue Zielgruppen anzusprechen. Ungefähr so wie Gary Vaynerchuk das in den USA machte. Nur eben mit Hendrik als Gesicht des ganzen. Meine Aufgabe war es, den Online-Shop aufzubauen, die Videos zu produzieren, Online-Kampagnen auszusteuern und alles mögliche zu koordinieren. Aber leider hat das Konzept in Deutschland nie richtig Fahrt aufgenommen, trotz hohen Ausgaben für’s Marketing. Wir haben unsere Umsatzziele nicht erreicht und nach 2 Jahren ist dann auch Hendrik ausgestiegen. So wurde ich zum neuen Gesicht von tvino.de…

Was hast du dann geändert?

Ich habe einfach alles etwas mehr nach meinem Geschmack ausgerichtet und hatte den Ehrgeiz, das Ding irgendwie rumzureißen. Ich habe junge Winzer mit frischen Weinen in’s Sortiment genommen und die Marketing-Ausgaben knallhart auf ein Minimum reduziert. Und sehr hart gearbeitet. Weil ich vom Konzept überzeugt war und an die Idee, Wein ohne Dresscode zu verkaufen, geglaubt habe, habe ich dann 2014 eigenmächtig den Weinladen in der Paul-Roosen-Straße angemietet und in das Personal statt in die Werbung investiert. Inzwischen muss ich sagen, dass es keine bessere Entscheidung gegeben hätte.

Warum? Ihr seid ja eigentlich ein eCommerce-Unternehmen. Was bring euch ein kleiner Laden auf St. Pauli?

„Hach, ich liebe diesen Laden. Auch wenn ich wahrscheinlich viel zu oft hier bin.“

Durch den Laden haben wir einen unglaublichen Abstrahleffekt in Hamburg. Ohne einen einzigen Gastronomen aktiv anzusprechen, beliefern wir inzwischen über 40 in ganz Hamburg und darüber hinaus. Und er ist ein super Multiplikator. Freunde bringen Freunde mit, haben einen guten Abend, die erzählen es wiederum weiter… Und er gibt uns ein sympathisches Gesicht, eine Persönlichkeit. Obwohl wir zu einem großen Konzern gehören. Auch was die Zusammenarbeit mit unseren Winzern angeht. Hach, ich liebe diesen Laden. Auch wenn ich wahrscheinlich viel zu oft hier bin.

Du hast gerade den Kontakt mit euren Winzern angesprochen. Ist der sehr wichtig für euch?

Ohne einen engen Austausch würde es nicht gehen! Sei es nun für eigene Produkte wie den Juno, Deep Roots oder den Ehrlichen Liter, die wir zusammen mit Winzern entwickeln oder auch die Weinproben und Events, die wir gemeinsam mit den Winzern bei uns im Laden veranstalten. Inzwischen kommen die Winzer immer zuerst im Weinladen vorbei, wenn sie in Hamburg sind. Das endet dann auch meistens in ziemlich tollen, feuchtfröhlichen Abenden…

Vielen Dank für’s Gespräch, Stephanie!

Inzwischen sind wir bei einem Grauburgunder von Philipp Wittmann mit einem wunderbaren Schmelz angekommen. Während ich noch mein Glas leere und ein paar Fotos schieße, ist Stephanie schon im nächsten Gespräch vertieft: Mit einer Kunst- und Streetart-Galerie aus der Nachbarschaft werden Pläne für neue Kooperationen geschmiedet. Ich bin gespannt, was daraus wird. Und so lange kann ich nur jedem empfehlen, im Weinladen vorbeizuschauen oder sich online ein paar Flaschen zu bestellen. Ihr werdet es nicht bereuen!

Weinladen St. Pauli

Paul-Roosen-Straße 29

22767 Hamburg

Montag – Freitag: 14 – 22 Uhr

Samstag: 12 – 22 Uhr

www.tvino.de

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Kategorie Menschen

Moin, Peter mein Name. 30 Jahre alt, Wahlhamburger mit süddeutschen Wurzeln und der Kopf hinter Kost. Ich poste mein Essen schamlos auf Instagram und wenn du mich loswerden willst, kannst du mich gerne auf jedem x-beliebigen Wochenmarkt aussetzen. Dann bin ich erstmal ein paar Stunden beschäftigt...

2 Kommentare

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